Endlich Ferien! Über Nacht haben wir den Fireball 5553 „Akka“ von Stein am Rhein nach Lübeck gebracht. Pünktlich um 07:00 Uhr stehen wir bei unseren Freunden Peter und Gudrun - ehemalige Folkebootsegler – vor der Haustür, denn um 08:00 soll „Aurelia“, die „neue“ Yacht unserer Freunde in der Marina Baltica aus dem Wasser gehoben werden, denn mit dem Ruder stimmt etwas nicht. Eigentlich wollten wir mit Peter über die Insel Poel nach Fehmarn segeln, aber schon nach wenigen Minuten ist klar, dass aus dem kurzen Check ein längerer Aufenthalt auf dem Trockendock wird, ein neues Ruder muss gebaut werden.

Leicht enttäuscht und müde fahren wir wieder in unser Quartier, aber auch ohne „Aurelia“ gibt es in Lübeck und Umgebung viel zu entdecken, und Peter weiß uns hervorragend zu beschäftigen. Doch dann – wer die Idee hat ist im Nachhinein nicht mehr festzustellen – fragen wir uns, warum man für den Weg nach Fehmarn unbedingt eine 10Meter–Yacht braucht, „Akka“ steht doch segelfertig im Passathafen. Bevor Gudrun abends nach Hause kommt und evl. Einsprüche erheben kann, ist schon alles beschlossene Sache: der Start soll am Freitag erfolgen für den WSW 4 Bfd. angesagt ist, in zwei bis drei Tagesetappen sollten doch die 38 Seemeilen entlang der Küste zu schaffen sein und Peter würde uns dort abholen, wo wir „stranden“.

Freitag morgen weiß Kerstin schon beim Frühstück: heute ist DER Tag. Nach kurzem Aufenthalt an „Aurelias“ „Krankenlager“ sind wir mit zwei Seekarten versorgt, gewissenhaft wird unser alter Bölle parat gemacht und nochmal auf Problemstellen überprüft – dann geht es los.

Nur kurz müssen wir uns aus der Abdeckung vom „Priwall“ freipaddeln. Dann ein kurzer Blick nach links und rechts und ab geht es – zunächst auf die Trave, auf der sich der Wind schon mal eingeweht hat. Puh, Glück gehabt, eine dieser riesigen Fähren, die mit Lotsenbegleitung die Trave befahren um dann ihren Weg nach Skandinavien zu nehmen ist nicht in Sicht und auch die Fußgängerfähre verhält sich noch ruhig.

Vorbei geht es an der „Passat“ einem P-Liner der Werft Blohm & Voss (Viermast-Rah-Segler). Nach dem Untergang des Schwesterschiffs „Pamir“ 1957 bei dem 80 der 86 Besatzungsmitglieder – zumeist Kadetten - umkamen, wurde sie außer Dienst gestellt, da auch sie als frachttragendes Segelschulschiff in die Kritik kam.

Das nächste Abenteuer wartet schon kurz vor der Mole: durch tausende von Quallen bahnen sich Schwert und Ruder den Weg in die freie Ostsee, ein Gefühl, als würde man durch geklumpten Wackelpudding segeln. Glaubhaft wurde uns später versichert, dass es mit einem Außenborder noch viel cooler wäre.

Raus geht es auf die Ostsee bzw. in die Neustädter Bucht. Mit dem Rat von Peter und seinem Segelmacher, mit unserer Nussschale eher unter Land zu bleiben nehmen wir es nicht so genau. In der Bucht werden im Anhang an die Travemünder Woche noch mehrere offene Deutsche Meisterschaften von Optimisten, 29ern, Lasern, Teenies, Piraten und 420ern ausgetragen; mitunter große Felder von mehr als 100 Booten auf mindestens 4 Regattabahnen. Die kleinen Boote bieten eine eindrucksvolle Kulisse und viele noch kleinere Trainerboote flitzen flink hin und her um die meist noch sehr jungen Schützlinge zu betreuen.

Wir lassen die Bahnen an Steuerbord liegen und weil es so gut läuft nehmen wir direkt Kurs auf Sirksdorf – unverkennbar mit den Türmen des „Hansaparks“. Ca. 1 Stunde geht es - immer auf Steuerbordbug - am Wind in rauschender Fahrt über das mit weißen Kämmen geschmückte Wasser der „Neustädter Bucht“.

Vor Sirksdorf fallen wir nach Steuerbord ab und setzen den Spi. Jetzt wird es sich zeigen ob die vielen Übungsstunden auf dem Untersee etwas genützt haben. Die Wellen sind für unsere Verhältnisse beträchtlich und wir zittern vor der ersten Halse. Wider Erwarten taucht „Akka“ ihren schmalen Bug nicht in die erst beste Welle und die befürchtete „Rolle vorwärts“ bleibt aus. Die nächste Halse geht schon leichter von der Hand und wir werden sicherer. Ingo ist auf dem „Vorschiff“ richtig fix und trotz der Wellen bleibt der Spi bei den meisten Halsen gefüllt.

Dementsprechend ist die Stimmung. Die Landzunge von Pelzerhaken lassen wir schnell hinter uns und ein entspannter Spikurs entlang des langen Schleswig-Holsteinischen Sandstrandes beginnt. Bald wird uns aber etwas langweilig und wir schlagen erneut die guten Ratschläge in den Wind und obwohl wir rasch voran kommen entfernen wir uns von der Küste um aus der Windabdeckung herauszukommen.

Unser nächstes Ziel ist das „Kap des kleinen Mannes“ Dahmeshövd, hinter dem die Segler meist eine Wind und Wetteränderung erwartet. Schon vorher hat der Wind etwas zugenommen und der Spikurs wird anstrengender. Hinter dem Kap erwarten wir vorlichere Winde und wir können gerade noch rechtzeitig den Spi bergen, denn mit der Passage des Kaps fallen plötzlich und unerwartet Fallböen von der Steilküste auf das glatte Wasser herab, die Kräuselung ist wie angekündigt kaum wahrnehmbar und die Unterschiede in den Windgeschwindigkeiten beträchtlich. Mal sitzt Ingo auf der Mitte der Ducht, fünf Sekunden später rasen wir gestreckt in Trapez und Ausreitgurten mit geöffnetem Groß daher, dass es knallt und spritzt.

Nach einer ¾ Stunde sind wir müde und eine erste Diskussion über eine Pause beginnt. Aber der Ehrgeiz ist gross und so entfernen wir uns auf Halbwindkurs von der Küste um stabilere Winde zu erreichen. Der Plan gelingt und mit halb geöffneten Segeln fahren wir etwas gemächlicher weiter.

Dann die zweite Diskussion: heimlich hat sich in unseren Köpfen der Wunsch festgesetzt, Fehmarn in einer Etappe zu erreichen. Also bleiben wir auf dem ruhigeren Halbwindkurs um vorzeitig in Richtung Fehmarn den Sund queren. Die Fehmarnsundbrücke ist doch schon seit einiger Zeit zu sehen und auch die drei Hochhäuser in Burgtiefe erscheinen immer näher.

Wir haben den Eindruck, dass auch „Akka“ jetzt schnell in ihren „Heimathafen“ will, sie läuft ruhig und problemlos durch die seitlich kommenden Wellen. Immer mehr Schaumköpfe treten auf und wir wissen, dass die Düse des Sundes erst noch kommt. Haben wir uns doch übernommen?

Langsam nähern wir uns dem Fehmarnsund und damit der Düse, der Wind nimmt nochmal etwas zu und die Wellen werden höher, doch jetzt werden wir entgültig vom "Gipfelfieber" gepackt, und nehmen die Segel dicht, Ingo schießt endlich wieder gestreckt ins Trapez und in rascher Fahrt passieren wir die Ansteuerungstonne Fehmarnsund und halten auf die Hafeneinfahrt Burgtiefe zu. In Wulfen flitzen die Surfer über das Wasser und wir wissen, dass wir auf oder spätestens kurz nach der T-Kreuzung zum Yachthafen ohne Spi halsen müssen, denn der Wind weht jetzt von NW. Wenigstens waren wir schneller als alle Yachten und Fischkutter die mit uns die schmale Einfahrt in den Binnensee passiert haben, so dass wir den Rücken frei haben und damit Zeit zum Aufrichten hätten.

Wieder folgt eine Diskussion, diesmal über den Zeitpunkt der Halse. Wir laufen bereits vor dem Wind; doch Kerstin (ängstlich aus leidvoller Erfahrung) will noch versuchen in eine Windabdeckung der Kaimauer zu kommen, aber Ingo hat jetzt endgültig die Nase voll, nimmt den Großbaum – und halst – ohne Probleme und butterweich. Wir können es kaum glauben, der Aufschießer an der überraschend renovierten Sliprampe ist Formsache.

Peter ist überrascht, von wo wir anrufen. In 5,5 Stunden haben wir unser Ziel erreicht. Vor Schreck haben unsere „Abholer“ vergessen unseren Anhänger nebst Slipwagen anzuhängen, so dass „Akka“ die letzten Meter des Tages auf dem mobilen Slipwagen mit den platten Reifen bzw. „auf Händen“ getragen zurücklegen muss.

Die zwei riesigen Schollen „Müllerinnen Art“ in der Geheimtipp – Hafenspelunke „Goldener Anker“ haben wir uns auf jeden Fall verdient.

 

Von Ingo und Kerstin Schulze mit dem Fireball 5553 "Akka" Baujahr 1972